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Stufe 5 – Reguliert / Audit-ready

Ziel: Externe Prüf- und Zulassungsfähigkeit.

Stufe 5 ist keine Optimierung von Stufe 4.
Sie entsteht nicht aus Ambition – sondern aus regulatorischer Notwendigkeit.

Hier genügt es nicht, kontrolliert zu arbeiten.
Man muss es extern beweisen können.

Qualität ist hier Zulassungsvoraussetzung.


Abgrenzung

Stufe 4Stufe 5
Governanceintern formalisiertextern prüfbar
Traceabilityvollständigregulatorisch validiert
Securitysystematischvorgeschrieben
FreigabeCAB / interne Kontrolleggf. externe Zulassung

Stufe 5 bedeutet:
Das System unterliegt externen Normen, Gesetzen oder Zertifizierungen.


Typische Einsatzfälle

  • Medizintechnik-Software (z. B. IEC 62304)
  • Luftfahrt- oder Bahnsoftware (z. B. DO-178C)
  • Automotive Safety (ISO 26262)
  • Zahlungs- oder Identitätssysteme mit regulatorischer Aufsicht

Kontextbedingungen

FaktorErwartung
Lebensdauer≥ 5 Jahre
RisikoExistenziell (Haftung, Lizenz, Sicherheit)
ComplianceGesetzlich oder regulatorisch verpflichtend
AuditRegelmäßig und extern
VerfügbarkeitSehr hoch (z. B. 99,99 %+ je nach Kontext)

Anforderungen

  • Vollständige, versionierte Traceability
    (Requirement → Design → Code → Test → Release)
  • Signierte Artefakte + unveränderbare Audit Trails
  • Unabhängige V&V (Verifikation & Validierung)
  • Formal definierte Rollen mit klarer Verantwortlichkeit
  • Dokumentierte Risikoanalyse gemäß Norm

Teststrategie (Richtwerte)

  • Unit: 90–95 % auf sicherheitskritischen Modulen
  • Integration: ≥ 80 % der relevanten Schnittstellen
  • E2E/Systemtests: Vollständig für alle regulatorisch relevanten Flows
  • Testfälle sind normativ referenziert

Coverage ist sekundär – normkonforme Nachweisführung ist primär.


Minimale Gates

  • Traceability-Matrix vollständig
  • Anforderungen eindeutig versioniert
  • Signierte Builds & Releases
  • Segregation of Duties umgesetzt
  • Unabhängige V&V dokumentiert
  • Externe oder unabhängige Reviews durchgeführt
  • Evidence-Paket pro Release archiviert
  • Datenschutz- & Risikoanalyse (z. B. DPIA) aktuell

Ohne vollständige Nachweisführung ist Stufe 5 nicht erfüllt.


Praktiken

  • Formale Anforderungsverwaltung mit IDs
  • Normkonforme Risikoanalyse
  • Strenge Change Control
  • Immutable Logs und Artefakt-Historie
  • Release-Definition enthält Audit-Readiness
  • Dokumentierte Schulungen und Kompetenznachweise (falls gefordert)

Rollen

Unabhängige Prüfrollen dürfen nicht in direkter Delivery-Verantwortung stehen.


Wirtschaftlicher Kontext

Stufe 5 verursacht:

  • Sehr hohen Prozess- und Dokumentationsaufwand
  • Längere Release-Zyklen
  • Hohe Eintrittsbarrieren für Änderungen

Sie reduziert jedoch:

  • Zulassungsrisiko
  • Haftungsrisiko
  • Lizenz- oder Betriebsverlust
  • Regulatorische Sanktionen

Stufe 5 ist wirtschaftlich nur sinnvoll,
wenn sie regulatorisch oder vertraglich erforderlich ist.


Akzeptierte Realität

  • Geschwindigkeit ist zweitrangig
  • Änderungen sind teuer
  • Flexibilität ist eingeschränkt
  • Organisation und Tooling müssen stabil sein

Quellen

  • IEC 62304: Medical Device Software Lifecycle
  • ISO 26262: Functional Safety (Automotive)
  • IEC 61508: Functional Safety
  • RTCA DO-178C: Airborne Systems
  • FAA AC 20-115D